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Konstanz: …aber die Schweizer…

9. Februar 2014 Ute

Hopp Schwiiz Fahne mit schnaubender KuhIch bin in Konstanz geboren, ich kann daher auf einige Jahrzehnte auch mit dem Kontakt in die Schweiz zurückblicken. Als ich Kind war ging man in die Schweiz, weil es billig war, der Währungskurs verhalf zu günstigen Preisen. Später änderte sich zwar der Kurs, aber dank deutscher Steuern auf Kaffee, Zigaretten und ähnliches, war es weiterhin günstig das in der Schweiz zu kaufen. Selbst in Zeiten, als der Preis nicht so attraktiv war, lohnte sich der Weg in die Schweiz, manche Produkte waren einfach besser, Schokolade, Nudeln, Joghurt waren immer beliebt.

Attraktiv waren lange auch die Öffnungszeiten, im Thurgau gibt es manche Feiertage nicht, gern nutzte man die zu einem Ausflug in die Geschäfte. Lange hatte die Migros samstags schon bis 16 Uhr offen, während in Konstanz alle Läden um 14 Uhr schlossen. In der Schweiz gab es die ersten Abendverkäufe, lange bevor in Deutschland ein langer Donnerstag eingeführt wurde. Auch Rabatttage zu diversen Gelegenheiten waren schon in den Achtzigern in der Schweiz üblich, das gab’s in Konstanz nicht.

…die blöden…

Konstanzer Wappen und die Farben des Wappens im Häs an FasnetIch habe auch einige Zeit in der Migros im Verkauf gearbeitet, bei vielen Gelegenheiten schimpften die Kollegen über “die blöde Schwoobe”, die immer kamen und sich oft auch noch beschwerten, dass nicht alles in der Migros so war, wie sie es aus Konstanz gewohnt waren. Ich verteidigte damals die Deutschen, ich klärte auf, dass nicht alle tatsächlich Schwaben seien, dass die badischen Konstanzer, es sehr ungern haben, als Schwaben bezeichnet zu werden.
Später stiegen die Benzinpreise, Freitagnachmittags und an Wochenenden hatten alle Tankstellen in Grenznähe immense Wartezeiten, weil alle Konstanzer, die günstigen Preise nutzten. In Konstanz schlossen immer mehr Tankstellen, weil kaum jemand noch hier tanken wollte.

…die doofen…

Seit einigen Jahren ist es für Schweizer günstiger in Deutschland einzukaufen und es gibt einige Gründe sich auch Pakete nach Deutschland schicken zu lassen. Die Steuersätze in der Schweiz ermöglichen eine Mehrwertsteuerrückerstattung, da die deutschen Sätze viel höher sind.

In der Schweiz gerade in Grenznähe wohnen auch viele Deutsche, die in der Schweiz arbeiten. Wer in der Schweiz wohnt hat ein schweizer Kennzeichen. Fährt man sonntagsnachmittags von Stuttgart nach Konstanz sieht man unzählige schweizer Kennzeichen und da sind sicher die wenigsten Schweizer, die sonntags einen Ausflug ins Schwäbische gemacht haben. Einige Deutsche, die in der Schweiz wohnen schicken ihre Kinder auch lieber in die deutschen Gymnasien als in schweizer Schulen.

Die Steuern blieben nicht im Land, wenn die Mehrwertsteuer erstattet würde, ist ein weiteres Argument über die Schweizer zu schimpfen. Außerdem würden die Schweizer die Lebensqualität stören, weil man nicht mehr mal eben in der Stadt mit Auto was besorgen könne.

In Konstanz wird mittlerweile viel über die blöden und lästigen Schweizer geschimpft. Die sind doof, weil sie mit dem Auto kommen. Die sind doof, weil sie die Ausfuhrzettel haben. Die sind doof, weil sie überhaupt hier einkaufen. Die sind schuld an allem, was manchen grad nicht gefällt.

Problemlösungen suchen – Fakten betrachten?

Möglich wäre ja zu überlegen, wie sich Nerviges abstellen ließe. Genervt sind viele von den Wartezeiten an den Kassen vieler Geschäfte, weil vor ihnen oft auch für Kleinbeiträge Ausfuhrscheine ausgestellt werden. Das Ausstellen dauert meist deutlich länger, als nur bezahlen dauern würde.  Ein Kaufhaus in Konstanz hat seit vielen Jahren eine eigene Stelle, an der Ausfuhrscheine ausgestellt werden. An den Kassen kommt es daher zu keinerlei Wartezeiten hierfür.

Einige Zeit gab es einige Lebensmittelgeschäfte, die eine Schnellkasse für bis zu fünf Teile nur mit Barzahlung hatten. Ich sage es in manchen Läden immer wieder, wenn ich wegen zwei, drei Sachen länger anstehen musste, dass das wieder eingeführt werden sollte. Würden es viele so machen, könnte sich da einiges bessern.

Ja, die Mehrwertsteuer bleibt nicht in Deutschland, das stimmt. Aber ich vermute mal, dass die wenigen Grenzgebiete, die nicht EU sind,  bezogen auf ganz Deutschland da an den Gesamteinnahmen der Mehrwertsteuer Deutschlands keinen relevanten Anteil haben. Die Steuern, die sich auf die Stadt beziehen, das sind Gewerbesteuern der Geschäfte, Restaurants und aller Angebote, wie Schwimmbäder. Die Gewerbesteuern gehen an die Stadt, das hat mit der Mehrwertsteuerrückerstattung nichts zu tun.

Samstag mit Auto in die Stadt ist eine ganz schlechte Idee, sofern man nicht für wenige Kilometer mal eben eine Stunde Zeit hat. Aber Konstanz hat in weiten Teilen, sehr, sehr gute Busverbindungen, die Busse haben vielfach Vorfahrt, um also schnell in die Stadt zu kommen, gibt es Alternativen. Und über weitere Ideen wie Seilbahn, Wasserbus und Straßenbahn wird ja gerade nachgedacht. Optionen, die Park & Ride attraktiv machen, könnten ja einen Teil des Verkehrs auch aus der Stadt entfernen.

Klar, im Moment ist manches nervig. Aber die Umsätze vieler Angebote ermöglichen eine Auswahl an Geschäften in dieser Kleinstadt, die es nicht gäbe, wenn alle Geschäfte nur auf die Konstanzer angewiesen wären. Viele Konstanzer arbeiten im Verkauf, im Gaststättengewerbe und in anderen Bereichen, die es ohne Tourismus so nicht gäbe.

Einige Vorteile hat Konstanz als Ganzes also durchaus auf Grund der vielen Besucher aus dem Grenzgebiet. Bei manchen Schwierigkeiten ließen sich Lösungen finden.

Aber darum geht es vielen gar nicht.

Sind wir so unterschiedlich?

mit Schweizer T-Shirt auf Fuerteventura Ich mag Schweizer, wenn Fußball-EM oder WM ist, drücke ich direkt nach der deutschen Mannschaft, den Schweizern die Daumen. Gerade weil Schweizer bei uns oft so unbeliebt sind, trage ich an Spieltagen der Schweizer auch gerne mal ein Schweizer T-Shirt. Die Kritiker meinen, dass die Schweizer ja ganz anders und viel nerviger seien. Die lassen sich Steuern zurückzahlen, die kommen mit dem Auto und die wären insgesamt anders.

Konstanz ist im tiefen Süden Deutschlands, für uns fängt Norddeutschland kurz hinter Baden-Württemberg an. Wir haben eine andere Mentalität als Menschen aus anderen Teilen Deutschlands. Konstanzer, die aus dieser Stadt stammen unterscheiden sich in ihrer Art von denen, die ursprünglich aus anderen Teilen Deutschlands stammen. Da wird durchaus auch über die “Hochstudierten von der Uni” geschimpft, über die Schnapspreußen, die komisch seien. So betrachtet unterscheiden wir uns allerdings gar nicht so sehr von den Schweizern, das Alemannische verbindet uns nicht nur sprachlich. Unsere Art ist sich näher als die von Süddeutschen und Norddeutschen. Das fällt jedoch kaum auf, denn viele Norddeutsche, die mit schweizer Kennzeichen kommen oder Ausfuhrscheine wollen, passen prima ins Bild, der doofen Schweizer.

Fast alle Konstanzer haben jahrzehntelang alle Vorteile der nahen Schweiz genutzt, aber werfen es jetzt denen vor, die es nun umgekehrt machen.

Die Welt verändert sich

Unterm Strich, ja in Konstanz ist heute manches anders als in den Sechzigern, Siebzigern, Achtzigern und so weiter. Aber nicht alles ist schlechter. Und noch viel weniger sind an allem die doofen Schweizer oder wahlweise die blöden Schnapspreußen oder auch sehr beliebt die vielen Ausländer schuld.

Statt Konstanz zurückhaben zu wollen, wie es vor x Jahren war, wäre es sinnvoll zu überlegen, wie sich Probleme und Schwierigkeiten lösen lassen. Aber es ist ja so viel einfacher, Schuldige zu suchen, als sich über Lösungen Gedanken zu machen.

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Der Beitrag wurde am Sonntag, den 9. Februar 2014 um 12:36 Uhr veröffentlicht und wurde unter nachdenkliches, mit dem Kurzlink
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2 Reaktionen zu “Konstanz: …aber die Schweizer…”

  1. Regula sagt:

    Ich gehe gerne nach Konstanz. Es ist eine so schöne Stadt mit fast so was wie Ferienstimmung. Es gibt tolle Restaurants, und ja, ich esse günstiger als in der Schweiz. Aber die Vielfalt machts aus.

    Meistens parkieren wir in der Schweiz und spazieren über den Zoll. Es ist auch keine gute Idee, am Samstag mit dem Auto nach Wil zu fahren. Vermutlich hat jede Stadt das Problem der überfüllten Parkplätze.

    Die Mehrwertsteuer hole ich nicht zurück, falls ich was einkaufe. Das ist mir zu umständlich. Hin- und zurück rennen. Ach je. Wir kaufen im dm Duschmittel. Im Moment überlege ich, ob ich mir eine neue Brille in Deutschland kaufen soll …

    Überhaupt bin ich Deutschlandfan. Ich habe noch nie empfunden, dass ich doof und blöd bin, weil ich Schweizerin bin. Mich lässt das niemand spüren. Als Thurgauerin verbindet mich mehr mit der Region Bodensee, als mit der Innerschweiz, geschichtlich geesehen.

    49.7 Prozent der Schweizer sind übrigens auch für offene Grenzen.

  2. Ute sagt:

    Ich gehe auch gerne in die Schweiz und ich denke auf beiden Seiten der Grenze gibt es derzeit viel zu viele, die auf die jeweils anderen schimpfen und sich abgrenzen wollen.

    Mir geht es wie dir, ich denke auch, wir haben grad in der Region mehr grenzüberschreitende Gemeinsamkeiten als teils mit der Bevölkerung im jeweils eigenen Land.

    Ich wünsche mir, dass es irgendwann auf beiden Seiten der Grenzen mehr Menschen gibt, die das sehen als es derzeit der Fall ist.

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