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Waffenstillstand zweiseitig ohne Chance auf Frieden für Palästina

19. Januar 2009 Ute

  • Bethlehem in der Nähe der Mauer…irgendwo in Bethlehem, Palästina

Die Bilder stammen von meinem Aufenthalt in Palästina im Dezember. An diesem Tag spazierten Rüdiger und ich von Talitha Kumi in Beit Jala den Berg runter nach Bethlehem.
Zuerst waren wir an üblichen Touristenorten wie Geburtskirche und Markt. Erst nach einer Pause mit Kaffee im Straßencafe am Marktplatz machten wir uns auf den Weg zur Mauer.

Auf dem Weg dorthin fiel mir das Graffiti an einer Mauer auf. Am Ende dieser Straße sieht man den Beginn eines Teils der Mauer.

Grad las ich einen Kommentar von Bettina Marx, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv, den ich für so wichtig halte, dass ich mich damit näher befassen möchte.
Als ich von der israelischen Erklärung des Waffenstillstands las, dachte ich: “gut gewählter Zeitpunkt”. Für Israel ist ein erster Erfolg sichtbar, kurz bevor die Verhandelnden aus aller Welt kommen, setzen sie jetzt einen Waffenstillstand ein, damit nehmen sie den Parteien von vorne herein einigen Wind aus den Segeln.

Waffenstillstand, aber keine politische Lösung

Nun haben sie beide einen Waffenstillstand ausgerufen, Israel und die Hamas, jeder für sich und natürlich einseitig. Zwei einseitige Waffenruhen, das macht zusammen genommen noch immer keinen Frieden. Aber immerhin, die Menschen diesseits und jenseits der Grenze können aufatmen. Der dreiwöchige Gazakrieg ist zumindest fürs Erste zu Ende. In den israelischen Ortschaften an der Grenze zu Gaza, die in den letzten acht Jahren immer wieder dem Beschuss mit Kassam-Raketen ausgesetzt waren, können die Einwohner wieder ihr normales Leben aufnehmen.

Eine erste Pause scheint wohl sicher zu sein, allerdings ohne echten Frieden, ohne eine ernstzunehmende Lösung, wird es keine dauerhafte Ruhe geben.

Auf der anderen Seite der Grenze dagegen, im kleinen und armseligen Gazastreifen, wird es keine Rückkehr zur Normalität geben. Für die Einwohner hat sich durch den Krieg überhaupt nichts verbessert. Sie bleiben eingeschlossen im größten Gefangenenlager der Welt, verraten von ihrer eigenen sogenannten Regierung im fernen Ramallah, die nicht den kleinen Finger krumm gemacht hat, um ihnen zu helfen. Vergessen aber auch von der internationalen Staatengemeinschaft, die sich nicht schämt, diese Opfer von Besatzung und Krieg auch noch selbst für ihr Unglück verantwortlich zu machen.

Nur wenige Korrespondenten haben das so deutlich ausgesprochen. Aber genau so sehe ich es ebenfalls. Dieser Konflikt begann nicht mit den Kassam-Raketen, das ist nicht die Ursache. Ganz egal wieviele Politiker das so hinstellen, richtig wird es davon nicht.

Tausende getötet oder verletzt

Mehr als 1200 Menschen wurden in den letzten drei Wochen im Gazastreifen getötet, Männer, Frauen und Kinder, Bewaffnete und Zivilisten. Mehr als 5000 wurden verletzt, viele von ihnen auf grausame Weise verstümmelt und verunstaltet von Waffen, die in so dicht besiedeltem Gebiet gar nicht zum Einsatz kommen dürften. Zehntausende verloren ihre Häuser, ihren Besitz, ihre Lebensgrundlagen und ihre Zukunftshoffnungen. Nicht mehr zählbar ist die Anzahl derer, die seelisch verstümmelt wurden, die auf immer unter den Folgen dieses brutalen Krieges leiden werden, die Kinder, die für ihr Leben traumatisiert sind, die mit Hass und Rachegefühlen aufwachsen werden, die verloren sind für die friedliche Koexistenz, von der manche Politiker so gerne träumen.

Wer einseitig Schuld verteilt und trotz allem von einem Frieden träumt, ist aus meiner Sicht bestenfalls naiv.

Europa meidet die Opfer

Und Europa? Kaum ist der Krieg beendet, da machen sich die führenden europäischen Politiker auf den Weg in den Nahen Osten. Aber nein, nicht zu den Opfern des Konflikts, sondern nach Ägypten und Israel ziehen sie, zu den beiden korrupten Regierungschefs, die den Gazastreifen von beiden Seiten in die Zange genommen haben und die dafür gesorgt haben, dass die schutzlose Bevölkerung nicht vor den erbarmungslosen Bombardierungen fliehen konnte.

Ich lese Berichterstattungen über diesen Krieg überwiegend als RSS. Sprich ich beginne mit den Überschriften, schaue dann nach den ersten Sätzen und entscheide dann, ob ich einen Artikel vollständig aufrufe. Bei den Überschrift “Merkel nimmt an Gesprächen über Gaza teil” hatte ich für einen Moment die Hoffnung, es gäbe vielleicht doch noch eine andere Sichtweise, als die Alleinschuld der Palästinenser… Ja, manchmal glaube ich noch, dass Menschen ihre Meinung überdenken könnten.

Sie sprechen von Frieden und vom Friedensprozess, die europäischen Politiker, sie sprechen von humanitärer Hilfe und von der Zweistaatenlösung. Seit fast zwei Jahrzehnten sprechen sie nun schon davon. Doch während sie sprechen, wachsen im Westjordanland die israelischen Siedlungen und wächst in Gaza eine neue Generation heran, ohne Hoffnungen und radikaler als die vor ihr.

Sie sprechen, sie haben eine vorgefasste Meinung, die zeigt, dass es nicht um die Lösung geht, sondern nur darum zu zeigen: “Du bist mein Freund, dir helfe ich und mit dem anderen spiele ich nicht mehr, der ist doof…”

Der sinnlose Krieg

Welche Probleme hat der Krieg gelöst? Kein einziges. Welche Lösungen bieten die europäischen Politiker an? Sie wollen die Grenzen des Gazastreifens sichern, den Waffenschmuggel unterbinden und humanitäre Hilfe leisten.

Doch diese Lösungsvorschläge sind ein Schlag ins Gesicht der unglücklichen Menschen von Gaza, denn sie helfen höchstens der israelischen Regierung. Die Einwohner von Gaza aber haben einen Anspruch auf mehr. Auf eine politische Lösung, auf eine Anerkennung ihrer nationalen Rechte und auf Gespräche mit der von ihnen gewählten Regierung.

  • Graffiti an einer Mauer in BethlehemDer Soldat und das Mädchen

Ich glaube daran, dass manche diesen Konflikt besser nachvollziehen und zu einer Lösung beitragen könnten als andere. Gerry Adams, nordirischer Politiker äußerte sich diese Woche zum Konflikt der disen Krieg auslöste. Er glaubt, durch Dialog, nicht durch Waffengewalt kann es einen Weg zum Frieden geben. In wieweit sich Nordirland/Irland mit Palästina/Israel vergleichen lässt, darüber kann man sicher diskutieren.

Ob es jedoch wichtig ist diesen Vergleich zu ziehen, wenn es im Grunde doch um eine Lösung, nicht um eine wissenschaftliche Abhandlung geht?

Für mich haben die Vereinten Nationen die Verantwortung, denn von diesen stammt der Teilungsplan für Palästina von 1947, dessen Karte bei Wikipedia deutlich macht, dass damit ein Konflikt vorprogrammiert war.

Von Anfang an waren 13 Staaten dagegen, zehn enthielten sich, beschlossen wurde mit 33 Stimmen dafür.

Die Gegner und Enthaltungen stammen unter anderem  aus Ländern, die eigene Erfahrung mit einem Konflikt auf engem Raum hatten. Die angrenzenden Staaten waren ebenfalls gegen diesen Plan. Klar, könnte man sagen, die wollten Israel nicht, aber vielleicht wollten sie nur diese Aufteilung nicht, weil ihnen klar war, dass damit Ärger vorprogrammiert wäre. Die Briten die zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre das Mandat für Palästina hatten, enthielten sich der Stimme.

Bei den Befürwortern scheinen einige zu sein, die für mich wirken, als hätten sie damit ihr Problem mit jüdischstämmiger Bevölkerung loswerden wollen. Von manchen Ländern weiß ich zuwenig, um mir erklären zu können, wie es zu dieser Entscheidung kommen konnte. Flapsig gesagt: “Wie besoffen muss man gewesen sein, um diesem Plan zuzustimmen?”

Achso, da das ja ein deutsches Blog ist, muss ich wohl noch hinzufügen, dass es mir weder um das Existenzrecht Israels als solches geht, noch darum, es heute noch zu  diskutieren, ob Südamerika oder Ostafrika besser gewesen wäre. Allerdings geht es mir durchaus darum den Staat Israel genauso kritisieren zu dürfen, wie jeden anderen auch.

Aktualisiert

Peter Philipp geht ebenfalls auf die fehlende Kritikfähigkeit deutscher Politiker Israel gegenüber ein. Er schließt mit:

“Auch in Deutschland. Noch zu Beginn des Gazakrieges ließen die meisten Politiker aber die gewohnte “political correctness” walten und stellten sich hinter Israel. Sie taten damit niemandem ein Gefallen. Auch Israel nicht.”

Sollte das nicht zu denken geben?!

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Der Beitrag wurde am Montag, den 19. Januar 2009 um 02:12 Uhr veröffentlicht und wurde unter nachdenkliches, mit dem Kurzlink
http://www.utele.eu/blog/?p=494 abgelegt.

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4 Reaktionen zu “Waffenstillstand zweiseitig ohne Chance auf Frieden für Palästina”

  1. Ute sagt:

    Ich habe den Artikel grad noch um einen Kommentar des Nahostexperten der Deutschen Welle ergänzt.

  2. Timo sagt:

    Schöner ausführlicher Artikel.,.. ich sach nur einen Satz… in dieser Region wird es niemals Ruhe geben…dafür ist einfach zu viel vorgefallen!

    Gruß
    Timo

  3. Ute sagt:

    Danke, ich hoffe schon noch, dass es auch für Palästina und Israel mal noch Ruhe gibt. Aber leicht und schnell geht das sicher nicht.

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