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Internetsperre? Kampf gegen Kinderpornographie ::: Frauensache?

27. März 2009 Ute

Am Donnerstag, den 26.3. gab es nachmittags eine aktuelle Stunde im Bundestag: Aktuelle Stunde auf Verlangen der Koalition „Bekämpfung der Kinderpornografie im Internet“. Unter anderem wurde in diesem Zusammenhang auf eine Aussage der Ministerin verwiesen. Ursula von der Leyen Ministerin sagte in einem Interview mit der FAZ unter anderem:

“In der Vorbereitung einer internationalen Konferenz zum Schutz der Kinder vor sexueller Ausbeutung in Rio, die im November stattgefunden hat. Da ist mir zum ersten Mal klar geworden, was eigentlich Kinderpornographie ist. Ich habe das Ausmaß des Grauens vorher nicht gekannt. Mir war nicht klar, dass die Kinder vor laufender Kamera geschändet werden, sie zum Teil getötet werden, die Schreie der Kinder im Internet hörbar sind. Dass diese bewegten Bilder in Massen im Internet gezeigt werden. Und mir war bis zu diesem Zeitpunkt nicht klar, dass europäische Länder um uns herum, aber auch Kanada und Neuseeland seit Jahren dagegen kämpfen und an uns vorbeigezogen sind.”

Ach, jetzt hat sie es erst bemerkt, na bravo, ein Hoch auf die Familienministerin, Ärztin und Mutter der es 2008 doch schon auffiel, dass es sexuelle Gewalt gegen Kinder gibt.

Ich habe mir auf einen Tipp von piratenlp bei identi.ca einen Teil der Debatte live angehört, die vom Bundestag übertragen wurde. Es gibt auch ein Archiv dort kann man sich die 214. Sitzung vom 26.3. im Nachhinein ansehen (allerdings wurden diese Reden nicht aufgezeichnet, es findet sich jedoch die Rednerliste).

Leider lief die Debatte genau so, wie die bisherige Diskussion. Fehlende Kompetenz vieler Redner und Rednerinnen, sehr viel Propagandamache im Stil von “Wer gegen die Internetsperre ist, ist für Kinderpornographie”. Allen voran an dieser Stelle die CDU, nicht viel besser die Aussagen der anderen Parteien. Herausragend kompetent waren aus meiner Sicht nur zwei Ausnahmen, für die Linke Jörn Wunderlich und für Bündnis 90, die Grünen Ekin Deligöz.

Das Ergebnis? Debatte zum Kampf gegen Kinderpornographie im Bundestag

Gute Frage. Nächste Frage.

Ab und zu ließ mal jemand einen Fachbegriff fallen, nach einem Blick aufs Konzept und häufig war die Aussage weiterhin nichtssagend. Norwegen blockt täglich 15.000 Zugriffe bei 4-Millionen Einwohnern, wir könnten noch viel mehr blocken… Was genau Frau Noll von der CDU sagte, lässt sich in ihrer Rede nachlesen, die sie wohl auswendig gelernt hat, ich erinnere mich an die ein oder andere wörtliche Formulierung.

Keine Ahnung, ob sich daraus noch was ergibt, es klang so wenig sinnvoll und kompetent in jeglicher Hinsicht, dass ich es anzuzweifeln wage, dass es ein brauchbares Ergebnis gibt. Immer wieder die Argumente, dass andere Länder ja auch sperren, also muss es gut sein… Wählbar sind solche Politiker meines Erachtens nicht. Zur Kompetenz bezogen auf die IT siehe auch den Beitrag von Thomas Stadler Anwalt für IT-Recht.

Was mir so währenddessen auffiel schrieb ich bei identi.ca (ging auch auf twitter raus)

  • 26.3. 13:21 Uhr @piratenrlp schreibt in Dents die Debatte des Bundestages zur Kinderpornosperre mit… http://www.bundestag.de/aktuell/tv/live300.html
  • von #Leyen schwallt soviel Unsinn, das ist nur peinlich!
  • Ekin Deligöz von den Grünen spricht über die Täter, leider bekommt sie nicht viel Zustimmung… #kinderpornosperre
  • …im Internet sehen wir abscheuliche Bilder… Hans-Peter #Uhl CSU Ach, sieht er, sehen wir?! #kinderpornosperre
  • …und wieder wird die Sperre damit begründet, dass wer gegen die Sperre ist auch für Kinderpornos ist und diese ansieht. #kinderpornosperre
  • Na, die CDU ist sich immerhin einig, wir sperren, dann sieht man es nicht mehr, dann ist ja auch alles wieder gut… #kinderpornosperre
  • 26.3. 14:20 Uhr …Debatte zur #Kinderpornosperre beendet jetzt geht es übergangslos um gentechnisch veränderten Mais… Na der Themenwechsel passt… :-(

Sind Mittel gegen Kinderpornos Frauensache?

Was mir erschreckend auffiel war die hohe Frauenquote in der Debatte. Ich konnte jetzt keine vollständige Redner- und Anwesendenliste finden, geschätzt waren es jedoch zu 80% Frauen (Echte Zahlen: Anteil Frauen im Bundestag 32%, Anteil Rednerinnen 67%, für die Anwesenden gibt es keine Zahlen).

Die Rednerinnen, auch die Männer verwiesen teils darauf, dass ja alle einer Meinung seien zu Kinderpornos. Hm, wo waren dann alle? Im Bild konnte ich zwei, drei Reihen mit vielen Frauen sehen, gesprochen haben überwiegend Frauen. Die Täter bei sexueller Gewalt an Kindern sind bekanntermaßen überwiegend männlich. So und so viele Täter, so und so viele Konsumenten von Kinderpornos, so und so viele _nicht_ anwesende Mitglieder des Bundestags…

Ich meine: “Wenn sich _alle_ so einig wären, dann gäbe es nicht so viele Taten und so viel Material, und Käufer dafür.”

Sexuelle Gewalt an Kindern ist nicht neu

Einige erwähnten die steigenden Zahlen beim Konsum der Kinderpornographie, man würde erst Wünsche wecken usw.

Blödsinn. Kein gesunder Mensch findet Kinderpornos erotisch. Das ist keine neu entdeckte Marktlücke für ein Produkt, das bei ausreichend Werbung plötzlich alle haben wollen.

Gewalt gegen Kinder wurde in den letzten Jahrzehnten nicht viel, aber ein bisschen weniger. Die Gewalt, das Schreckliche, die Folgen das ist nicht neu. Neu ist nur, das Medium Internet für Kinderpornos, die Täter gabs schon immer, nur die Wege Material zu verbreiten, die haben sich geändert.

Wer ein bisschen nachliest, weiß, dass die meisten Kinderpornos “nebenbei” produziert werden, dem Kind wurde und wird Gewalt angetan. Früher ohne Kamera “nur” im Hinterzimmer, jetzt mit Kamera im Hinterzimmer. Für das jeweilige Kind ist der Schaden in beiden Fällen immens.

Viele der Debattierenden haben nicht verstanden, dass es für die Kinder keinen Unterschied macht, ob der bereits gedrehte Porno von einem, zwei, hunderten angesehen wird. Dem Kind hilft nur die Gewalt zu verhindern, dafür braucht man keine Internetsperre.

Bücher zu sexuellem Missbrauch

Manchmal bin ich komisch, im Sinne von merkwürdig und verstehe selbst nicht so ganz, was ich warum grad so oder so entscheide. Vor kurzem gabs die ein oder andere Blogparade und mir fielen dazu einige Bücher ein. Dann wollte ich aber doch lieber gar nicht darüber schreiben. Zunächst war das auch gut so, doch dann nagte es an mir. Die Links standen noch immer irgendwo in meinen offenen Tabs, zumachen wollte ich sie nicht, drüber schreiben aber auch nicht so wirklich. Ich entschied mich für einen Kompromiss. Die Links mussten erstmal weg, und ich wollte mich noch umentscheiden können. Deshalb packte ich sie sortiert in einen Entwurf und speicherte den erstmal…

Die Links dazu beziehen sich jetzt nicht explizit auf Kinderpornographie, doch wer sich mehr für die Kinder interessiert, als dafür unter diesem Deckmäntelchen eine Zensur einzuführen, der/die könnte sich diese Bücher mal ansehen.

  • Zuckerpüppchen und die Zeit danach beschreibt wie das Buch Zuckerpüppchen entstand. Die Autorin Heidi Glade-Hassenmüller erzählt davon, wie sie dazu kam ihre Erlebnisse als Erwachsene aufzuschreiben und wie es ihr damit erging.
  • Multiple Persönlichkeiten. Überlebende extremer Gewalt. Ein Handbuch. Viel diskutiert wird und wurde, ob es multipel gibt, und wenn, was ist das eigentlich? Ist das nicht dasselbe wie schizophren? Wieso erst multipel und heute dissoziative Störung, gibt’s das also doch nicht? Wie irgendwie viele in einem Körper, das geht doch nicht oder doch? Das erste deutschsprachige Sachbuch zu dem Thema, welches jedoch nicht mit Beschreibungen zu den Ursachen, dem sexuellen Missbrauch spart, deshalb nichts für schwache Nerven oder für Betroffene in Krisenzeiten.
  • Hannah und die Anderen Ein Jugendbuch, welches von Hannah erzählt, einer Fünfzehnjährigen, die multipel ist und es selbst noch nicht weiß, sondern nur immer wieder spürt, dass etwas nicht stimmt. Zu den dissoziativen Störungen, gibt es gerade für Jugendliche sonst kaum passende Bücher.
  • Trotz allem. Wege zur Selbstheilung für Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren haben Jede/r die eigene Erfahrungen mit sexuellem Kindesmissbrauch hat oder Kontakt hat mit Betroffenen sollte dieses Buch mal gelesen haben. Da geht es einfach um den praktischen Alltag, wie ist das denn mit solchen Erlebnissen später im Erwachsenenalter, wie kann aus dem ersten Überleben ein eigenes Leben werden, in dem es nicht tagtäglich nur um Aufarbeitung geht.
  • Verbündete: Ein Handbuch für Partnerinnen und Partner von Überlebenden sexueller Gewalt
    Das einzige, mir bekannte Buch, dass ganz konkret darauf eingeht, wie Partner von Betroffenen damit umgehen können. Den immensen Druck, der auch auf Partnern lastet, insbesondere in Krisenzeiten der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch, den kann auch dieses Buch nicht nehmen. Aber es gibt ganz konkrete Tipps für den Alltag.

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Der Beitrag wurde am Freitag, den 27. März 2009 um 00:05 Uhr veröffentlicht und wurde unter politik, mit dem Kurzlink
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