Es ist an der Zeit… erstmals geht es wieder aufwärts

Diese recht lange Serie begann mit dem ersten Teil: Ende der Neunziger krankes Kind.  Im vorigen, neunten Teil erzählte ich von den ersten Tagen nach der Operation.

Es war die Hölle

Es war die Hölle in diesen ersten Tagen für alle Beteiligten. Klar, für das Kind sowieso, aber auch alle Anderen, inklusive des Personals, waren geschockt von der Veränderung in seinem Verhalten. Dieser kleine Kerl, der bisher bei allem fröhlich und allen Argumenten zugänglich gewesen war, blockte alles ab. Von den Ärzten verordnete Pflichttermine machte er mit, aber ansonsten verweigerte er alles. Es war als hätte er sich aufgegeben. Zum ersten Mal schien er nicht mehr daran zu glauben, dass es sich lohnen könnte für eine Verbesserung zu kämpfen.

Egal wer zu Besuch kam, der Junge sprach nicht, lächelte nicht, wollte nichts und machte nichts mit. Trinken klappte etwas besser, aber jedes Getränk war ein Kampf. Er wollte nach wie vor nicht essen, aber so ein bisschen nahm er zu sich, so dass die Schläuche und Kabel allmählich weniger wurden. Ich hoffte mit einem Miniausflug, einfach raus aus der Klinik würde es vielleicht besser. Nach einiger Diskussion bekam ich einen Rollstuhl und die Genehmigung mit ihm rauszugehen. Ganz hochoffiziell natürlich nur auf dem Gelände, aber bis zur Elternwohnung sah ich kein Problem.

Ausflug hilft auch kaum

Doch, er fühlte sich offensichtlich unwohl, er wäre am liebsten sofort wieder zurückgefahren worden. Auch im Laden auf dem Weg, wollte er trotz Capri-Sonne lieber wieder raus. Das Ganze brachte also nicht viel. Der Junge schämte sich wegen des Gerüsts, er wollte nicht angestarrt werden und Rollstuhl machte es nicht besser. Ein bisschen mehr Interesse sich wieder zu bewegen, war danach jedoch feststellbar. So allmählich sprach er wieder ein bisschen.

Die Rettung

Am Wochenende kam dann die Rettung. Seine Oma und sein gleichaltriger Cousin, sowie dessen Eltern kamen. Die Oma konnte ihn davon überzeugen, dass er mit ins Paradies (ein Restaurant nahe der Klinik) kommt, immernoch im Rollstuhl immernoch mit Gerüst. Denn auch wenn er nichts wolle, sein Cousin bräuchte etwas und die Erwachsenen würden Kaffee wollen. An diesem Tag war endlich der Besuch wichtiger, als die Angst und das „sich schämen“.  Da sein Cousin etwas essen wollte, wollte auch der junge Mann plötzlich was zu essen, sein Getränk war umgehend leer. Erstmals seit der OP genoss er mal wieder einige Stunden. Er spielte und unterhielt sich mit dem Cousin und der Oma.

  • Kind mit GerüstKind bei mir Zuhause

Das Versprechen nach Hause zu dürfen

Am Montag danach gab’s bei der Visite vom Chefarzt den Satz: „Sobald du allein bis zum Aufzug auf der Station gehen und wieder zurück kannst, darfst du nach Hause.“ Mein Kind hatte verstanden, dass nach Hause seinen Cousin und die Oma einschloss. Jetzt war sein Kampfgeist wieder da, nach eineinhalb Wochen nur Weigerungen wollte er jetzt wieder. Es war wie sonst, wenn er etwas unbedingt wollte, es klappte. Gegen Ende der Woche konnte er sogar weiter allein laufen als gefordert.

Damit hatten jedoch die Ärzte nicht gerechnet, er solle noch einige Tage länger bleiben, es gäbe noch einige Untersuchungen. Am besten wäre noch ein, zwei Wochen, dann müsste er danach nicht so schnell wieder kommen… Ich diskutierte viel, heiß und lang. Ich machte den Ärzten klar, dass sie nicht riskieren durften, das Versprechen zu brechen, dass dieses Kind vom Chefarzt bekommen hatte. Eine Untersuchung ließ sich einfach nicht mehr vor Montag einplanen, alles andere war noch in derselben Woche möglich.

Oma für die Heimfahrt

Als das Kind erfuhr, die Oma käme, um mit ihm zurück nach Hause zu fahren, war er sehr zufrieden. Ich konnte nicht gleichzeitig mit ihm im Krankenwagen fahren und das eigene Auto fahren. Die Oma  hat keinen Führerschein, das Autofahren konnte sie mir nicht abnehmen, aber ihren Enkel im Krankenwagen begleiten ging prima.

Jetzt war der Junge wieder da, den ich kannte, er hatte ein Ziel. Er übte, denn er wollte auch Treppen laufen können. Nicht ganz einfach, wenn man die Stufen nicht sehen kann, weil er ja den Kopf nicht nach unten bewegen konnte. Aber auch das klappte noch vor Montag. Klar sein Cousin, wohnte im gleichen Haus wie sein Vater, aber eben eine Treppe höher, es war wichtig, diese Treppe selbst gehen zu können.

Rückschritte und Placebo

Zwischendurch, vor allem abends gab es auch immer wieder Rückschritte, die Schmerzen im Becken, der Schulter und dem rechten Arm waren nicht weg. Manchmal war er vor allem deprimiert. Einmal probierten der diensthabende Arzt und ich deshalb, ob es wirklich vor allem der Schmerz war oder die Angst, es könne mit weniger Medikamenten schlimmer werden. Das Placebo hatte jedoch den von uns erhofften Effekt, es wurde besser und der Junge konnte dann schlafen. Daraus folgte, die körperliche Ursache war nicht mehr das Hauptproblem, sondern die Psyche. Nun da war die Aussicht auf Entlassung nach Hause ja der beste Schritt.

Geburtstagsgeschenk für den Vater

Am Montag, dem Geburtstag seines Vaters, durfte er nach Hause, für 14 Uhr wurde ein Krankenwagen bestellt.  Wie üblich in Krankenhäusern verzögerte sich alles noch etwas, aber mit nur wenig Verspätung fuhr der Krankenwagen mit ihm und seiner Oma nach Konstanz. Zuerst war ich noch ziemlich nervös, denn mein Sohn hatte sich in den letzten Wochen sehr daran gewöhnt, mich ständig um sich zu haben. Als jedoch eine kleine Pause gemacht wurde, war immer noch alles ok. Das Kind war fröhlich und zufrieden. Da fuhr ich dann voraus und musste am Ende noch einige Zeit warten, bis Oma und Enkel mit dem Krankenwagen eintrafen.

Der Papa bekam das bestmögliche Geschenk, durch die Ankunft seines Sohnes. Damit hatte noch vor einer Woche niemand gerechnet, dass er jetzt zu Hause sein konnte. Alle weiteren Termine, organisatorische Schwierigkeiten, was noch kommen würde war alles in diesem Moment unwichtig. Erst einmal war er wieder zu Hause!

Veröffentlicht von Ute

utele bloggt - das ist die halbe Wahrheit, ich, Ute schreibe. Das Elefantenmädchen im Logo heißt utele. Dieses Blog gibt es seit 2007, was ich sonst so mache findet ihr jeweils auf: https://ute-hauth.de/

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2 Kommentare

  1. Wer sich wunderte, warum der gewohnte Veröffentlichungsrhythmus nicht mehr stimmte, ich hatte nach fast einer Woche ohne Internet wegen Baustelle und anschließender Teilnahme am Barcamp Stuttgart, einfach nicht eher Zeit diesen Beitrag fertigzustellen.
    Ich werde versuchen für die nächsten Beiträge wieder zum gewohnten 3-Tages-Rhythmus zurückzukehren.

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