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Bedeutet Schuld in der Vergangenheit Verantwortung für die Gegenwart?

7. Oktober 2009 Ute

  • Palästina Rüdiger an der Mauer in Bethlehem

Rüdiger schrieb für die aktuelle Ausgabe der Freiwilligenzeitschrift Wortwechsel Weltweite Initiative den folgenden Artikel, der im Original auf den Seiten 14-17 des PDFs zu finden ist. Ich meine es wäre schade, wenn der Artikel nur als PDF auffindbar wäre…

Gedanken eines deutschen Freiwilligen über seine Verantwortung  und die Deutschlands gegenüber Israel


von Rüdiger Henss, Palästina


Rüdiger hat zehn Monate lang in der Begegnungsschule Talitha Kumi in Palästina gearbeitet.
Gegen Ende drehte sich die Arbeit während des Lebens in Beit Jala um Sommercamps mit sozial schwachen Kindern.

Der Holocaust ist schon 70 Jahre her, dennoch stehen Deutschland und Israel aufgrund der Shoah in einer speziellen Beziehung.

Nach einem langen heißen Tag meines Jordanien-Urlaubs sitze ich mit zwei meiner Mitfreiwilligen auf einer Terrasse des Hostels, in dem wir heute übernachten. Einer der arabischen Mitarbeiter läuft auf uns zu und fragt uns, woher wir kämen — “Wir kommen aus Deutschland” antworteten wir. Die Worte “Ah — Deutschland, Hitler ist ein guter Mann” knallen gegen unsere Köpfe. Der Völkermord an den Juden lässt einen in Deutschland aufgewachsenen bei einem Freiwilligendienst in Israel und Palästina ebenso wenig los wie in einem der Nachbarstaaten, etwa Jordanien.

Eine der ersten Assoziationen besteht aus 13 Buchstaben: Bringen sie Pech oder eine Chance?

— Verantwortung —

Die Gründung des Staates Israel steht in unwiderruflicher Verbindung zum Massenmord der Deutschen an den Juden. In dieser Region, in der die Diskussion um die Deutschen und ihre Verantwortung so schnell nicht beigelegt werden kann und nicht soll, lebe ich für ein Jahr im Rahmen eines Freiwilligendienstes. Allerdings wohne ich nicht auf israelischem Boden, sondern in den palästinensischen Autonomiegebieten, in Beit Jala. Dies ist einer der Orte, die Israel besetzt, weil sie als gefährlich angesehen werden. Gebiete, in denen Menschen leben, die Israel nicht anerkennen oder die Israel vernichten wollen. Zumindest werden so die Besatzung und der Mauerbau von vielen Israelis gerechtfertigt.

Steht ein deutscher Volontär nun aus diesem Grund auf der Feindseite? Werde ich meiner Verantwortung gegenüber Israel nicht gerecht? Welche Verantwortung hat Deutschland oder ein deutscher Jugendlicher überhaupt?

Seit seiner Gründung hat sich der Staat Israel schnell entwickelt. In sechs Dekaden wuchs das neu gegründete Land zu einer bedeutenden wirtschaftlichen und politischen Kraft heran, wobei es stets besonders starke politische Unterstützung durch die USA erfuhr. Die großen Gegner Israels und die, die Israel als Gegner betrachten, sind die arabischen Länder, so erkennt abgesehen von Jordanien und Ägypten kein Land der Arabischen Liga Israel als Staat an. Die meisten Länder, die Israel nicht anerkennen, sind des Weiteren Mitglieder in der “Organisation der Islamischen Konferenz”. So wird sehr deutlich, dass sich die außenpolitischen Differenzen mit anderen Ländern in erster Linie auf arabisch-muslimische Länder beziehen. Dieser arabisch-israelische Konflikt hat viele religiöse Hintergründe, bezogen auf das “Heilige Land”. Das ist auch daran zu erkennen, dass sich der arabisch-israelische Konflikt territorial auf den Israel-Palästina Konflikt beschränkt. Die Konflikte mit dem Iran, dem Irak, Syrien oder dem Libanon sind inzwischen politisch.

Wo steht nun Deutschland zwischen alledem?
Die israelische Regierung will nach wie vor Unterstützung aus Deutschland, da Deutschland nach Meinung vieler Israelis eine Verantwortung für das Land hat. So werden so manche deutschen Politiker mit Gegenpositionen vor den Kopf gestoßen, wie beispielsweise Frank-Walter Steinmeier, dem Israels Premierminister Benjamin Netanyahu bei einem Gespräch zum Thema des Siedlungsbaustopps sagte, dass das Westjordanland “nicht judenrein” sein dürfe. Damit wählte er bewusst einen Begriff aus der Hitlerzeit.

  • Palästina Eines der unzähligen Mauerbilder in Bethlehem

Deutsche Politiker stehen immer wieder im Mittelpunkt, wenn es um die Verantwortung geht. Während des Gaza-Krieges hat Angela Merkel die Haltung der deutschen Bundesregierung so formuliert, dass die Verantwortung für die Entwicklung in der Region “eindeutig und ausschließlich” bei der Hamas liege, darin sei sie sich mit dem Ministerpräsidenten Israels einig.

Daraufhin wurde ihr von einem Privatmann aus der Nähe von Hannover ein Appell per E-Mail geschickt, welcher viel Aufsehen erregte. In seinem Text versuchte er Frau Merkel deutlich zu machen, dass seiner Meinung nach die Verantwortung Deutschlands gegenüber Israel nicht das blinde Wegschauen bedeute.

Ob ich mal wieder nach Jerusalem pendle oder von meinem Balkon aus eine Siedlerstraße und eine Siedlung sehe, stets kommt der Gedanke auf, inwieweit all dies gerechtfertigt ist. Wie schon geschildert steht die Rechtfertigung für viele Israelis außer Frage. Einige berufen sich auch auf den von Deutschen verübten Völkermord. Kritiker argumentieren hart dagegen und behaupten, Israel würde auf eine ähnliche Art und Weise mit den Palästinensern umgehen. Beide Argumentationslinien instrumentalisieren also die Shoah. Die Shoah ist eine nicht zu vergleichende, hoffentlich für immer einmalige schreckliche Mordreihe, die im Bezug auf aktuelle Kriege und Konflikte nicht als Vergleich verwendet werden darf.

  • Jerusalem, Israel Klagemauer am Pessachfest

Doch welche Auswirkungen hat nun die deutsche Vergangenheit auf die Einzelperson, die nur durch ihre Großverwandtschaft einen indirekten Bezug zur Shoah hat? Sagt man in Israel, dass man aus Deutschland ist, trifft man meist auf eine positive Rückmeldung. Man wird häufig nicht anders wahrgenommen als ein anderer Ausländer. Man meint fast zu vergessen, welche Vergangenheit hinter einem liegt. Doch sollte man nicht wach gerüttelt werden, wenn man von Situationen wie von der meiner Mitfreiwilligen hört, der vor die Füße auf den Boden gespuckt wurde und die als “Verräterin” bezeichnet wurde, nur weil sie einem israelischen Mann erzählt hatte, dass sie als Freiwillige in Palästina arbeitet? Auf der palästinensischen Seite bekommt man bezüglich seines Herkunftsortes zu hören, dass Hitler ein guter Mann gewesen sei, schließlich habe er die Juden gehasst. Zwar lenken einige ein, wenn man den Menschen klar macht, dass Hitler am Tod von unzähligen Menschen schuld ist, aber dennoch ist der Gedanke in vielen Köpfen präsent, dass Hitler kein schlechter Mann war.
In solchen Situationen wird einem rasant klar, das doch bei weitem noch nicht alles vergessen ist und dass auch eine junge Einzelperson aus Deutschland Verantwortung zeigen muss.

Welche Verantwortung kann man nun den Deutschen zuweisen? Verallgemeinern kann man sowieso nichts, aber die Vergangenheit darf nicht aus der Erinnerung gelöscht werden. Deutschland setzt sich zwar seit Jahren mit dem auf seinem Boden verübten Völkermord auseinander, was aber nicht zur Folge haben sollte, dass die historischen Ereignisse aus den Köpfen verschwinden.

  • Beit Jala, Palästina Andacht zum Gedenken des Gazastreifens in der Schule Talitha Kumi

Ob sich nun Menschen wie Felicia Langer, die zuletzt medial sehr präsent war, nachdem ihr das Bundesverdienstkreuz trotz deutlicher Israel-Kritik verliehen wurde oder Peter Scholl-Latour, der unter anderem ein Buch mit dem Titel “Lügen im Heiligen Land” geschrieben hat, moralisch falsch verhalten haben oder nicht — darüber vermag ich nicht zu urteilen. Doch sollten sich die Deutschen bewusst sein, dass Deutschland in einer besonderen Beziehung zu Israel steht, auch wenn man sich immer wieder ins Bewusstsein rufen sollte, dass die deutsche Vergangenheit mit dem Völkermord an den Juden nicht sofort eine Sympathie gegenüber Israel zur Folge haben muss, ebenso wie eine Kritik an politischen Einstellungen Israels nicht als genereller Antisemitismus angesehen werden darf.

Als Fazit möchte ich die Auffassung darlegen, dass Deutschland und die deutsche Bevölkerung an Israel gerade deswegen Kritik üben sollte, weil sie eine riesige Verantwortung gegenüber Israel und dem jüdischen Volk haben. Dies soll nicht bedeuten, dass Deutschland dauerhaft Kritik an sämtlichen politischen Resolutionen der israelischen Regierung üben soll. Allerdings steht dieser Teil der Verantwortung sicherlich mehr der Bundesregierung zu.

Die Einzelperson sollte der Vergangenheit nicht aus dem Weg gehen, sondern versuchen zu zeigen, dass die Menschen in Deutschland heute anders sind, sich aber der Geschichte stellen und sich nicht vor ihr verstecken. Denn solange orthodoxe Juden in Jerusalem aufgrund einer Parkhausöffnung am Sabbat gegen Israelis demonstrieren, die an dem Tag der Ruhe mit dem Auto fahren und deshalb als “Nazis” beschimpft werden oder gesagt bekommen: “Fliegt zurück nach Deutschland!”, sind die Taten der Deutschen vor nicht einmal einem Jahrhundert noch lange nicht vergessen.

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Der Beitrag wurde am Mittwoch, den 7. Oktober 2009 um 15:03 Uhr veröffentlicht und wurde unter nachdenkliches, mit dem Kurzlink
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